Was macht uns gesund und wie bleiben wir es?

Eine neue amm-Arbeitsgruppe sucht nach Lösungen, wie wir gezielt gesund bleiben können. Vorstandsmitglied Lea Stocker, Initiatorin der Gruppe, stellt im Gespräch vor, was die Gruppe anstrebt und welche Lösungsansätze sie verfolgt. 

 

 

 

 

Eine neue amm-Arbeitsgruppe – schön! Was hat euch dazu angetrieben, sie ins Leben zu rufen?

 

Bis heute richtet das Gesundheitswesen seinen Blick vor allem darauf, was bei Patient*innen „kaputt“ oder krank ist und wie man das wieder «reparieren» oder heilen kann. Unser Ansinnen ist, dass der Fokus mehr darauf gelegt wird, was uns gesund macht und erhält – und dabei davon wegzukommen, «gesund» vor allem als Gegensatz von «krank» zu denken.

 

Was macht und hält uns denn gesund?

 

Das ist nicht bei allen Menschen gleich, es ist ein individueller Prozess. Uns geht es darum, eine gute Basis dafür zu legen. Wir wollen einen pragmatischen, realistisch umsetzbaren Ansatz: Wie man mit wenig Aufwand das Wichtigste zur Förderung der eigenen Gesundheit tun? Für mehr nehmen sich die meisten ja gar keine Zeit. Unsere Arbeitsgruppe ist interdisziplinär, unter anderem sind Leute aus der Physiotherapie dabei, die eigene Übungen entwickelt haben, wie man in wenigen Minuten am Morgen die wichtigsten Muskelgruppen aktivieren kann. Davon profitiert man den ganzen Tag und auch langfristig. Um solche Dinge geht es. Es soll einfach sein und irgendwie auch bescheiden. Auch als Alternative zum Selbstoptimierungs- und damit verbundenen Leistungsdruck. 

 

Wie sollen diese Ideen bei möglichst vielen Menschen ankommen?

 

Je älter wir sind, desto mehr Mühe haben wir, unsere Gewohnheiten zu ändern. Wir wollen deshalb bei Kindern und Jugendlichen ansetzen, konkret bei Primar- und Oberstufenschüler*innen. Unsere Vision wäre, dass Gesundheit fester Teil des Lehrplans wird. Wir sind bewusst, dass die Lehrpläne bereits heute überladen sind. Alles, was noch dazukommt, hat es da schwer. Unser Argument ist, dass auch die Lehrpersonen von solchen Impulsen profitieren und sie so aus einer intrinsischen Motivation weitergeben. Der Plan ist es, mit Angeboten im Rahmen von Projektwochen oder -tagen zu starten. 

 

Entsteht da perspektivisch ein neues amm-Angebot oder wer soll diese Ansätze in die Tat umsetzen?

 

Mittelfristig ist das natürlich mit der Frage verbunden, wie diese Angebote finanziert werden und wer sie durchführt. Dass die amm selbst in die Schulen geht, ist denkbar, in erster Linie wollen wir unseren Ansatz aber an Fachpersonen weitervermitteln, die ihn dann im Sinne der Menschenmedizin umsetzen. Nach dem Sommer planen wir ein Hearing mit Schulleiter:innen, um unsere Ansätze mit ihnen zu prüfen und weiterzuentwickeln. Langfristig hat unser Anliegen natürlich eine politische Dimension, es wäre gut, wenn im gesamten Gesundheitssystem Mittel für solche Angebote zur Verfügung stünden. Ich bin mir sicher, dass damit an anderer Stelle viel Geld eingespart würde.

 

Speziell ist, dass die Arbeitsgruppe noch keinen Namen hat – es gibt erst einen «Arbeitstitel».

 

Genau. Als Arbeitstitel haben wir «Salutogenese» gewählt – ein Begriff aus der Soziologie, der den persönlichen Gesundheitsentwicklungs- und Erhaltungsprozess beschreibt. Es ist aber noch nicht klar, ob es dabei bleibt: Wir finden einerseits, dass er unser Anliegen sehr gut beschreibt, andererseits kann man ihm vorwerfen, dass er selbst mit dem Gegensatz von krank und gesund arbeitet, den wir vermeiden wollen. Aber wichtiger ist ja, was wir in der Praxis tun wollen, oder? 

 

Das Gespräch führte Stephan Bader. 

Über Lea Stocker

Dr. med. Lea Stocker ist Fachärztin für Allgemeine Innere Medizin sowie Psychiaterin und Psychotherapeutin. Neben ihrer Tätigkeit als Hausärztin ist sie zudem Dozentin an der Uni Zürich. Ihr besonderes Engagement gilt einem holistischen Menschenbild innerhalb der gesamten Heilkunde, so dass Patient:innen auf beziehungszentrierte, individuelle und situationsadäquate Behandlung und Begleitung zählen dürfen. Weiter setzt sie sich für salutogenetische Angebote und Perspektiven zur Förderung von Selbstverantwortung und Selbstwirksamkeit in der Allgemeinbevölkerung ein.